Es war nicht immer so.
Dass ich in Gesprächen Luft anhielt.
Dass ich bei bestimmten Namen einen Kloß im Hals bekam.
Dass ich mir zweimal überlegte, ob ich etwas sagen darf oder ob es wieder zu viel ist.
Es war nicht immer so,
dass ich alles an mir zerpflückt habe,
bevor es überhaupt jemand anderer konnte.
Es gab ein Davor.
Ein Davor mit Gras unter den Füßen,
mit nackten Beinen auf dem Autositz,
mit einem Delfin auf dem T-Shirt und einer Sonne, die noch echt gewärmt hat.
Ein Lachen, das nicht wusste, wie es aussieht.
Weil es einfach da war.
Ich war acht. Vielleicht neun.
Und ich dachte, das bleibt so.
Ich war ein Kind, das spürte.
Ein Kind, das merkte, wenn Stimmungen sich veränderten,
noch bevor jemand lauter wurde.
Ich war wach. Nicht brav. Nicht leise. Wach.
Und ich dachte, das reicht.
Ich wusste, was ich wollte.
Und noch klarer, was ich nicht wollte.
Ich hab gesagt, was ich dachte.
Weil ich dachte, dass man das darf.
Aber irgendwann reichte das nicht mehr.
Nicht für die Welt, in der wir leben.
Nicht für eine Familie,
in der Loyalität bedeutete: Halt den Mund.
Mein Vater hatte Charisma.
Und das reichte, um alles andere zu überstrahlen.
Ich wollte so werden wie er.
Nicht, weil ich ihn liebte.
Sondern weil er Platz hatte.
In Räumen. In Gesprächen. In Köpfen.
Meine Mutter war da. Irgendwie.
Still, funktionierend, freundlich.
Aber wenn ich heute zurückblicke,
weiß ich nicht, ob sie mich je gesehen hat.
Wirklich gesehen.
Nicht die Schulnoten. Nicht die Stimmung. Mich.
Es war nicht immer so.
Aber irgendwann war da dieses Kippen.
Dieses unterschwellige „Sei lieber anders“.
Dieses „Du bist schwierig“.
Dieses „Mach uns nicht das Leben noch schwerer“.
Und ich frage mich:
War sie still, weil sie müde war?
Oder weil sie längst aufgegeben hatte, gehört zu werden?
Ich hab das nicht als Bruch erlebt.
Mehr wie ein langsames Abräumen.
Von Vertrauen. Von Selbstverständlichkeit.
Jeden Tag ein bisschen weniger Raum.
Jeden Tag ein bisschen mehr Anpassung.
Und ich?
Ich hab nicht rebelliert.
Ich hab einfach aufgehört zu zeigen, wie es mir geht.
Nicht aus Angst.
Aus Konsequenz.
Es war nicht immer so,
dass ich mir selbst nicht traute.
Dass ich auf mein Bauchgefühl hörte
und dann dachte: Vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Früher habe ich gewusst, was ich fühle.
Und ich habe geglaubt, dass das zählt.
Aber irgendwann hat sich etwas verschoben.
Nicht auf einen Schlag.
Sondern schleichend.
Wie ein Tisch, der jeden Tag einen Millimeter verrückt wird.
Bis du irgendwann dagegenläufst
und dir die Schuld gibst,
weil du dich angeblich einfach blöd angestellt hast.
So fängt es an.
So verliert man das Gefühl dafür,
was normal ist.
Was falsch ist.
Was einem zusteht.
Und irgendwann sitzt du da.
In deinem erwachsenen Körper.
Und versuchst, dich zurückzuerinnern,
wie es war,
als du noch nicht so verdammt wachsam sein musstest.
Es war nicht immer so.
Und keiner hat es bemerkt.
Außer mir.
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